Testosteron: Was das „Männerhormon“ wirklich im Körper bewirkt

Kraft, Lust, Vitalität: Testosteron gilt als das Männlichkeitshormon schlechthin. Und tatsächlich kann ein Testosteronmangel gravierende Auswirkungen haben – ebenso wie ein überhöhter Level durch Testosteronmissbrauch. Zwei Experten beantworten die wichtigsten Fragen rund um Testosteron.

Was ist Testosteron?

Testosteron ist ein Hormon, also ein Botenstoff im Körper. Es gilt als männliches Hormon. Aber auch Frauen produzieren Testosteron, wenn auch in sehr viel geringeren Mengen. Männer bilden das Hormon überwiegend in den Hoden, Frauen in den Eierstöcken und beide Geschlechter in kleineren Mengen in der Nebennierenrinde.

Testosteron: Wirkung im Körper

„Testosteron ist ein biologischer Allrounder und vor allem für Männer in jedem Lebensalter essenziell“, sagt Prof. Dr. med. Sven Diederich von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Schon vor der Geburt trägt Testosteron im männlichen Körper zur Entwicklung der Geschlechtsorgane bei. In der Pubertät sorgt der steigende Hormonspiegel dann unter anderem dafür, dass Penis und Hoden wachsen, die Stimme tiefer wird sowie Gesichts- und Körperbehaarung zunehmen.

Auch im Erwachsenenalter übernimmt Testosteron weiter vielfältige Funktionen. Das Hormon regt die sexuelle Lust und die Spermienproduktion an, sofern es im Hoden gebildet wird. Eine Zugabe von außen hingegen verschlechtert die Spermienproduktion. Bei vielen Männern steigert das Hormon zudem etwas die Aggressivität und senkt die Ängstlichkeit. Eine wichtige Funktion ist außerdem das Unterstützen von Blutbildung und Muskelwachstum. „Weil Männer deutlich höhere Testosteronspiegel als Frauen haben, haben sie auch mehr Muskelmasse“, erklärt Hormonexperte Prof. Diederich.

Allerdings bedeutet mehr Testosteron nicht automatisch mehr Muskeln und Libido. Denn der Körper reguliert dessen Produktion über einen fein abgestimmten hormonellen Regelkreis. Werden von außen sehr viel Testosteron oder damit verwandte Anabolika zugeführt, kann die körpereigene Produktion in den Hoden auch herunterfahren.

Testosteron bei Frauen: Wenig, aber wichtig

Frauen haben deutlich weniger Testosteron im Blut als Männer. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Hormon für sie unwichtig ist. Bei ihnen steuert es ebenfalls die Libido, unterstützt den Erhalt von Muskelmasse und Knochendichte und ist außerdem für eine normale Funktion der Eierstöcke nötig. Ab einem Alter von circa 40 Jahren oder nach Operationen an Eierstöcken beziehungsweise Nebennieren kann die Testosteronmenge bei Frauen sinken. Weil in der derselben Zeit das vorwiegend weibliche Sexualhormon Östrogen durch die Menopause noch stärker zurückgeht, wird das verbliebene Testosteron im weiblichen Körper aber einflussreicher. Das kann für Akne, vermehrten Haarwuchs im Gesicht oder dünner werdendes Kopfhaar sorgen.

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Mythen über Testosteron im Faktencheck

  • „Testosteron macht Muskeln.“

    Testosteron unterstützt tatsächlich den Muskelaufbau. Aber Muskeln entstehen nicht allein durch die Wirkung des Hormons. Training, Ernährung, Alter und genetische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle.

  • „Mehr Testosteron bedeutet mehr Lust.“

    Das lässt sich so einfach nicht sagen. Ein normaler Testosteronspiegel ist zwar für sexuelle Funktionen wichtig. Aber wer bereits einen normalen Pegel hat, bekommt nicht noch mehr sexuelles Verlangen, nur weil der Wert darüber hinaus steigt.

  • „Testosteron macht aggressiv.“

    Darin steckt ein wahrer Kern, aber der Zusammenhang ist komplex. Ein hoher Testosteronspiegel kann aggressive Tendenzen begünstigen. Allerdings entsteht Aggression aus einem Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Ein Mann mit viel Testosteron ist daher nicht automatisch aggressiv.

Testosteronspiegel: Welche Werte normal sind

Der Testosteronspiegel wird in Nanogramm pro Milliliter oder in Nanomol pro Liter angegeben. Als Normalbereich gilt alles über 3,5 Nanogramm pro Milliliter beziehungsweise 12 Nanomol pro Liter. Im Körper wirkt nur dasjenige Testosteron direkt, das frei oder locker gebunden im Blut vorkommt. Das meiste Testosteron sitzt jedoch an Transporteiweißen und ist nur schwer verfügbar. Ein Testosterontest zeigt üblicherweise freies und gebundenes Testosteron zusammen an.

Bei jedem Menschen schwankt der Pegel von Tag zu Tag. Außerdem wird er beeinflusst durch Faktoren wie Alter, Tageszeit und Stresslevel. Für einen Durchschnittswert muss der Testosteronspiegel mindestens zwei Mal getestet werden. Um dabei vergleichbare Werte zu erhalten, sollte dafür jeweils zwischen 7 Uhr und 10 Uhr morgens Blut abgenommen werden, empfiehlt die European Assocication of Urology.

Testosteronmangel: Symptome, Ursachen und wann er relevant wird

„Der Testosteronwert ist bei Männern ein Vitalitätsparameter“, sagt Dr. Jann-Frederik Cremers Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Andrologie am Universitätsklinikum Münster. „Wenn der Spiegel niedrig ist, ist man oft antriebslos, abgeschlagen und auch am Ende eines durchschnittlichen Tages schon erschöpft.“ Wichtige Symptome seien:

  • Lustlosigkeit, insbesondere sexuelle Lustlosigkeit

  • Erektionsprobleme und weniger spontane oder morgendliche Erektionen

  • Muskelabbau

  • Gewichtszunahme

  • Konzentrationsprobleme und Reizbarkeit

  • Blutarmut

  • geringere Knochendichte

  • Schlafstörungen

  • Nachtschweiß

Die möglichen Ursachen dafür sind vielfältig. Möglich aber vergleichsweise selten sind Erkrankungen der Hoden oder der Hirnanhangdrüse, etwa bei Tumoren oder nach Unfällen. Häufiger sind andere Faktoren die Auslöser von sogenanntem funktionellen Hypogonadismus. Das bedeutet, dass die Hoden eigentlich noch ausreichend Testosteron produzieren könnten, es aber aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr tun. Auslöser können sein:

  • starkes Übergewicht

  • Diabetes mellitus

  • Schlafmangel

  • starker Stress

  • Alkoholmissbrauch

  • Stoffwechselerkrankungen oder chronische Entzündungen

Werte von weniger als 2,3 Nanogramm pro Milliliter/8 Nanomol pro Liter deuten auf einen Testosteronmangel hin. Darüber gibt es einen Graubereich, in dem der Testosteronspiegel nur bei entsprechenden Symptomen und Beschwerden überprüft werden sollte.

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Wechseljahre beim Mann: Gibt es die Andropause?

Der Begriff „Andropause“ soll die Wechseljahre des Mannes bezeichnen, entsprechend der Menopause bei der Frau. „Aber die Wechseljahre des Mannes gibt es nicht“, sagt der Männerheilkundler Jann-Frederik Cremers. Denn die Hormonproduktion in den Hoden geht mit zunehmendem Alter langsam und individuell sehr unterschiedlich zurück. Ab etwa 40 Jahren sinkt der Testosteronspiegel laut Deutscher Gesellschaft für Endokrinologie im Durchschnitt ungefähr um ein Prozent pro Jahr.

Testosteron testen lassen: Wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist

Nicht jeder müde Mann braucht einen Testosteron-Check. Sinnvoll ist dies erst bei anhaltenden Beschwerden wie Müdigkeit, Lustlosigkeit, Erektionsproblemen, unerklärlichem Verlust von Muskelmasse, Osteoporose oder Schlafstörungen. Dahinter kann ein niedriger Testosteronspiegel stecken – aber auch eine andere Krankheit. Erste Anlaufstelle für einen Test sind die Hausarztpraxis oder eine Urologiepraxis, um dort Blut abnehmen zu lassen. Von frei verkäuflichen Selbsttests raten Fachleute ab.

Behandlung: Wann eine Testosterontherapie infrage kommt

Jann-Frederik Cremers: „Man muss klar unterscheiden zwischen einerseits einer Testosterontherapie bei einer Erkrankung, die durch einen nachgewiesen dauerhaft niedrigen Spiegel ausgelöst werden kann oder die diesen auslöst. Bei einer entsprechenden Erkrankung kann eine Testosteronersatztherapie den Spiegel wieder in einen normalen Bereich bringen. Davon abzugrenzen ist andererseits Testosteronmissbrauch.. Hier geht es oft darum, künstlich die eigene, vor allem sportliche Leistungsfähigkeit im Sinne von Doping zu steigern.“

Bei einer Testosteronersatztherapie wird das Hormon über Depot-Spritzen, Haut-Gels, Tabletten oder Pflaster verabreicht. Das ist bis auf wenige Ausnahmen risikoarm, so der Experte. Bei Brust- oder nicht therapiertem Prostatakrebs etwa darf kein Testosteron zugeführt werden. Ebenso wenig bei einem Kinderwunsch, weil von außen zugeführtes Testosteron die körpereigene Spermienproduktion unterdrückt.

„Anders sieht es aus, wenn eigentlich gesunde Männer mit einem Testosteronspiegel im Normalbereich diesen steigern wollen. Der Einsatz von Testosteron oder den verwandten Anabolika als Lifestyle-Mittel ist ein riskanter Missbrauch, von dem eindeutig abzuraten ist. Denn dabei kann es schwere Nebenwirkungen für Körper und Psyche geben, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leber- und Stoffwechselprobleme und Unfruchtbarkeit sowie Verfolgungswahn, Halluzinationen und erhöhte Aggressivität.“

Testosteron natürlich steigern: Was den Spiegel wirklich beeinflusst

In einem Großteil der Fälle lässt sich ein niedriger Testosteronspiegel durch einige einfache Maßnahmen wieder in den Normalbereich bewegen. Meist hilft es vor allem abzunehmen. Denn Fettgewebe ist hormonell aktiv und wirkt Testosteron damit entgegen. Weitere hilfreiche Schritte, die eine gesunde hormonelle Regulation unterstützen:

  • ausreichend schlafen

  • chronischen Stress reduzieren

  • maßvoll Ausdauersport treiben

  • sich gesund und ausgewogen ernähren

  • auf Alkohol und Nikotin verzichten

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FAQ

Zu welcher Tageszeit ist der Testosteronspiegel am höchsten?

Testosteron wird morgens produziert, der Spiegel ist dann am höchsten. Im Vergleich dazu liegt der Wert abends um rund ein Fünftel niedriger.

Ab welchem Alter sinkt der Testosteronspiegel?

Der Spiegel steigt in der Pubertät steil an und erreicht seinen Höhepunkt zwischen 20 und 30 Jahren, bevor er langsam zu sinken beginnt.

Macht eine Testosterontherapie unfruchtbar?

Ja, eine Testosterontherapie kann die körpereigene Hormonproduktion hemmen. Dadurch kann die Spermienproduktion sinken oder sogar ganz eingestellt werden.

Zahlt die Krankenkasse einen Testosteron-Test?

Ja, bei medizinischen Gründen oder bei einem begründeten Verdacht zahlt die gesetzliche Krankenkasse einen Test.

Haben Frauen in den Wechseljahren zu wenig Testosteron?

Altersbedingt sinkt der Testosteronspiegel bei Frauen schon ab circa 30 Jahren langsam ab, besonders stark aber mit den Wechseljahren, da die Produktion in den Eierstöcken nachlässt.

Senken Alkohol oder Soja den Testosteronspiegel?

Starker Alkoholkonsum kann den Testosteronspiegel senken. Soja dagegen hat bei üblichen Verzehrmengen keine Auswirkungen.

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Sven von Thülen

Veröffentlicht am 02.11.2026

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